37 Stunden später.

Ich bin angekommen. Körperlich zumindest. Gefühlt ist mein Kopf noch auf dem Weg. Vielleicht in einem der vier Flieger liegen geblieben, die mich hierher gebracht haben. Ich bin erschöpft, aber mir geht es gut.

Abschiede. Ich hasse sie. Am Flughafen in Frankfurt habe ich am Sonntag Morgen keine Zeit darüber nachzudenken. Ab durch die Sicherheitskontrolle, wie immer mit einem komischen Gefühl. Der Mann vor mir hat Flüssigkeiten dabei. Über 100ml. Und dann ist der Sprengstofftest auch noch positiv. Okay. Ich befürchte, dass sie mich auch zur Seite nehmen. Spritzen sind ja spitze Gegenstände, auch wenn ich sie aus medizinischen Gründen dabei habe. Laptop, Kamera, Inhalationsgerät, Medikamente und sonstige Flüssigkeiten aus dem Rucksack. Und ab durch die Kontrolle. Keiner sagt was, ich gehe schnell weiter. Die Mitarbeiter sind wohl mit dem Mann vor mir beschäftigt. Letzter Blick zu meinen Liebsten und dann drehe ich mich um.

Ich laufe zum Gate und finde auf dem Weg einen Glückscent auf dem Boden. Na, wenn das mal kein Zeichen ist. Ich laufe weiter. Genau hier war ich schon, aber nicht alleine. Als wir nach Island geflogen sind zum Beispiel. Ich realisiere, dass hier jemand an meiner Seite fehlt. Und wie lange ich ihn nicht mehr sehen werde. Nein Sarina, du weinst jetzt nicht.

Glückscent

Los gehts. Flug Nummer eins. Von Frankfurt nach Amsterdam. Schlafen lohnt sich nicht, würde vor Aufregung sowieso nicht funktionieren. Ich komme an und habe 8 Stunden Aufenthalt. Eloise wartet auf mich. Wir kennen uns von unserem einjährigen Schüleraustausch in Italien. Vor über 10 Jahren. Verrückt. Sie kommt aus Neuseeland und wohnt seit 2 Jahren hier in Amsterdam. Will im April wieder zurück, weil sie keinen Anschluss gefunden hat. Die Angst vor dem Alleine sein kommt zurück. Wir verbringen den Tag zusammen. Schlendern von einem Café ins nächste. Erzählen über “alte Zeiten” und bevorstehende Abenteuer. Und irgendwann ist es Zeit, wieder an den Flughafen zu fahren. Die Freude schlägt um, ich möchte nach Hause. Überlege kurz, einfach in den Flieger nach Frankfurt zu steigen, anstatt nach Chile. Mache ich aber nicht.

Amsterdam Wiedersehen

Amsterdam Streetart

Flug Nummer zwei. Amsterdam – Santiago de Chile. Dachte ich zumindest. Ich steige ein und stolpere direkt über meinen Sitzplatz. Notausgang mit extra viel Beinfreiheit. Yeah, habe ich mir gegönnt. Immerhin liegt ein langer Flug vor mir. Ich beobachte aus nächster Nähe die Leute, die einsteigen und die Crew, die koordiniert. Türen schließen, der Flieger rollt. “Cabin crew take your seat”. Die Flugbegleiterin setzt sich mir gegenüber. Und fragt was ich in Buenos Aires mache. Momentmal, ich dachte wir fliegen nach Chile? Aus dem technischen Stopp wird ein Aufenthalt in Argentinien. Okay, das macht bei 35 Stunden auch keinen Unterschied mehr. Wir heben ab und kommen ins Gespräch. Ich erzähle ihr von der Reise, die vor mir liegt. Sie ist beeindruckt und löchert mich. Man könnte meinen, dass KLM nur sympathische Mitarbeiterinnen einstellt. Sie kommt ständig vorbei, fragt wie es mir geht. Bemuttert mich fast. Ob sie mir ansieht, wie ich mich fühle? Der Flug ist okay, ich brauche nicht mal Schlaftabletten. Nach 14 Stunden in der Luft setzen wir zur Landung an. Die Flugbegleiter laufen durch die Kabine und sprühen etwas durch die Luft. Achja, sie desinfizieren uns, damit wir keine Keime einschleusen. Ich habe davon gehört.

Aus dem Flieger raus. Mal wieder durch die Sicherheitskontrolle. Wieder in den Flieger rein. Dieser hat die Nummer drei. Von Buenos Aires nach Santiago de Chile. Gleicher Sitzplatz, nur diesmal gehört die Reihe mir ganz allein. Die beiden anderen bleiben in Buenos Aires. Wir fliegen über die schneebedeckten Anden. Wow. Landeanflug auf Chile. Endlich.

Landung Chile Anden

Während der Flughafen in Buenos Aires fast einschläft, wimmelt es hier in Santiago nur so von Leuten. Ich muss mein Gepäck entgegen nehmen und durch die Einwanderungskontrolle. Ab zum Check-In. Ich stehe da und weiß nicht wohin. Weder mit dem Gepäck, noch mit mir. Ich versuche durchzublicken und scheitere. Sehe meinen Anschlussflug gedanklich schon ohne mich abheben. Ah, hier ist die Check-In Schlange für nationale Flüge. Wo fliegen die denn alle hin? Achja, hier ist ja Sommer. Hauptreisezeit für Touristen UND Einheimische. Ich schaffe es mit meinen Spritzen durch die Sicherheitskontrolle. Gut. Vor dem Boarding brauche ich Bargeld. Immerhin wartet am nächsten Flughafen ein Taxifahrer auf mich. Ich stelle mich am Geldautomat an. 150.000 chilenische Pesos hätte ich gerne. Klingt viel, ist es aber gar nicht. Umgerechnet gerade einmal 200 Euro. Der Automat akzeptiert meine Kreditkarte nicht, keiner kann mir helfen. Egal.

Weiter gehts. Letzter Flug. Die Nummer vier bringt mich von der Hauptstadt Santiago nach Puerto Montt im Norden Patagoniens. Auch hier stehen wieder zwei Ziele auf der Anzeigentafel. Wir heben ab und landen kurz darauf wieder. Ein Paar Passagiere steigen aus, ich auch. Der Rest bleibt sitzen und fliegt weiter. Fliegen ist in Chile wie Busfahren. Kein Wunder, bei den Distanzen. Ich hoffe, dass mein Gepäck angekommen ist. Jep. Ich verlasse den Flughafen und treffe auf Rónald, meinen chilenischen Taxifahrer. Er drückt mich, als würden wir uns schon ewig kennen, sehr sympathisch die Chilenen. Rónald spricht nur Spanisch, versteht aber dass ich Geld brauche. Wir laufen zum Geldautomat. Transaktion ungültig, wieder nichts Bares für mich. Rónald sagt, ich kann mit meiner Karte hier kein Geld abheben. Klar, ist doch eine Kreditkarte. Er versteht nicht, dass auf meiner Karte kein deutsches Geld drauf ist. Natürlich möchte ich Pesos abheben, was soll ich denn auch mit Euros. Versteht er nicht. Ich lass ihn reden. Wir fahren Richtung Stadt, um es da zu probieren. Er redet viel, ist nett. Ich rede mit Händen und Füßen, möchte aber eigentlich nur ankommen. Und duschen. Wir fahren zur Bank, finden aber keinen Parkplatz. Er sagt er fährt um den Block und sammelt mich wieder ein. Ich steige ohne Nachzudenken aus. Lasse meine beiden Rucksäcke bei ihm im Auto. Er fährt weg und mir wird bewusst, wie blöd ich bin. Ich male mir aus, was ich mache, wenn ich mein Gepäck nie wieder sehe. Zeit zum Nachdenken bleibt aber keine. Ist vielleicht auch besser so. Ich laufe los. Mit meinem Geldbeutel in der Hand, mein Handy hat keinen Akku mehr. Erste Bank, die Geldautomaten sind beide außer Betrieb. Eine nette Dame nimmt mich mit, sagt zwei Blocks weiter ist noch eine Filiale. Ich habe keine Wahl und gehe mit. Denke an den Taxifahrer und mein Gepäck. Sehe mich schon nach Hause fliegen, weil ich nichts mehr habe. Aber ohne Pass ginge ja nicht mal das, der ist nämlich auch im Rucksack. Nächste Bank, nächster Versuch. Wieder nichts. Mir reichts. Ich bin verzweifelt, kann mich nicht mehr beherrschen und fange an zu weinen. Will einfach nur nach Hause. Zwei Bankangestellte kommen mir zu Hilfe und befreien mich von meiner Misere. Ich bedanke mich immer und immer wieder. Renne mit dem Geldbeutel in der Hand zurück und suche panisch den Taxifahrer. Und da kommt er gelaufen, hat doch noch einen Parkplatz gefunden. Er sieht die Panik in meinen Augen und fragt mich, ob ich dachte, dass er sich mit meinem Gepäck aus dem Staub macht. Ähm, ja!

Ich komme in meiner Unterkunft an, checke ein und freue mich auf eine Dusche und frische Klamotten. Danach sieht die Welt schon ganz anders aus. Nach 37 nervenaufreibenden Stunden bin ich am anderen Ende der Welt angekommen. Körperlich zumindest.

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