Auf in Richtung Kleiner Norden.

Irgendwie hat es mich auf meiner bisherigen Reise hier in Chile immer wieder in den Süden des Landes gezogen – Puerto Montt, die Insel Chiloé, Coyhaique und die Region Aysén. Aktive Vulkane, riesige Gletscher, türkisblaue Seen und wunderschöne grüne Wälder. Farbenfrohe und kontrastreiche Orte. Für den letzten Teil meiner Solo-Reise, die am kommenden Montag endet – weil ich Besuch aus Deutschland bekomme, juhu! – sollte es also diesmal in den für mich unbekannten Norden Chiles gehen. Genauer gesagt in das Halbwüstengebiet des Kleinen Nordens.

Kleiner Norden, bitte was? Ich gebe zu, das hört sich schon ganz schön seltsam an. Aber wenn man sich mal überlegt, dass Chile mit einer Länge von knapp 4300 Kilometern ganz schön viel Norden und mindestens genauso viel Süden hat, dann macht das durchaus Sinn. Dazu kommt, dass das Land in Sachen Klima und Landschaft unterschiedlicher nicht sein könnte. Das Land ist also unterteilt in: Großer Norden, Kleiner Norden, Zentralchile, Kleiner Süden und Großer Süden.

Zehn Tage blieben mir also bis zur Ankunft meines Liebsten in Santiago. Genug für einen Ausflug nach La Serena und das benachbarte Valle del Elqui. Anschließend wollte ich den Bus zurück in die Hauptstadt nehmen und dort ein bisschen Sightseeing machen, denn bisher hatte ich nicht mehr als den Flughafen und das Busterminal gesehen. Die Zeit für diese drei Ziele war mehr als ausreichend und ich hatte sogar noch einen kleinen Puffer für eine spontane Reiseplanerweiterung eingeplant, perfekte Voraussetzungen für einen wunderbaren Trip.

Ich lies Valparaíso also hinter mir und freute mich darauf, am langen Sandstrand von La Serena, der zweitältesten Stadt Chiles, mein allererstes Bad im Pazifik zu nehmen und einfach etwas zu entspannen. Zwar haben Valparaíso und die angrenzenden Badeorte auch schöne Strände, das Wasser dort ist allerdings so kalt, dass ich mich nie überwinden konnte, schwimmen zu gehen. Nach einer sechsstündigen Fahrt und 440 zurückgelegten Kilometern kamen wir dann an meinem Zielort an – und der Himmel war komplett bewölkt. Nein, es war nicht einmal warm. La Serena hat sich nicht wirklich von seiner schönsten Seite gezeigt und ich war mir sicher, Chile ohne ein Bad im Pazifik zu verlassen. Denn dies war der letzte eingeplante Strandbesuch auf meiner Reise.

An meinem ersten Abend im Hostel lernte ich Nolwenn kennen, eine Französin, die seit längerem in der Schweiz lebt und auch alleine unterwegs war. Wir unterhielten uns eigentlich nur kurz, weil ich schlecht gelaunt und gar nicht in Stimmung war, neue Leute kennen zu lernen. Am nächsten Tag allerdings fragte sie mich, was ich vorhatte und ob sie sich anschließen dürfte. Wir verbrachten den Tag zusammen und verstanden uns auf Anhieb. Es hat einfach gepasst, so ein bisschen wie Arsch auf Eimer, weil wir einige Gemeinsamkeiten und zu vielen Dingen auch die gleiche Ansicht hatten. Wir schauten uns die Stadt an, die aufgrund der Osterfeiertage komplett ausgestorben war und gingen trotz des mittelmäßigen Wetters an den Strand, besuchten den wenig spektakulären Japanischen Garten und gingen ohne großen Erfolg in der Mall shoppen.

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Leuchtturm von La Serena.

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Ursprünglich sollten sich dann am nächsten Tag unsere Wege trennen. Nolwenn wollte weiter in den Norden nach Bahía Inglesa und ich ins benachbarte Elqui Tal, um hier einen der klarsten Himmel der Welt zu genießen. Allerdings stellte sich heraus, dass gerade Vollmond war und die Chancen auf einen schönen Sternenhimmel bis Mitte der Woche eher schlecht standen. Um dieser Verkettung unglücklicher Ereignisse ein Ende zu setzen, begann ich also meine Reiseplanung in Frage zu stellen.

Ehrlich gesagt hatte ich Bahía Inglesa – die Bucht, die sich mitten in der Wüste befindet und zu den schönsten Stränden Chiles zählt – auch noch auf meiner Liste stehen. Allerdings waren das nochmal 400 Kilometer und weitere sieben Stunden in die falsche Richtung, wenn man bedenkt, dass ich am Ende der Woche zurück in Santiago sein wollte. Aber gut, warum sollte ich zum Sterne beobachten ins Elqui Tal fahren, wenn es höchst wahrscheinlich eh nichts zu sehen gab?

Ich entschied mich also für einen perfekten Plan B und buchte spontan ein Busticket nach Bahía Inglesa, um dort mit Nolwenn die erhofften Sommer-Sonne-Strand-und-Meer-Tage nachzuholen, die wir uns beide in La Serena erhofft hatten. Im Nachhinein betrachtet, hätte ich keine bessere Entscheidung treffen können, denn ich hatte zweieinhalb entspannende Tage in wunderbarer Begleitung am definitiv schönsten Strand, den ich bisher in Chile gesehen hatte. So schön, dass es dazu auf jeden Fall einen eigenen Beitrag auf meinem Blog geben MUSS.

Also weiter auf meiner Route im Kleinen Norden. Trotz der Planänderung hatte ich genug Zeit übrig, um anschließend den geplanten Besuch im Elqui Tal nachzuholen. Jippie! Die Region, die sich östlich von La Serena bis zur argentinischen Grenze ausdehnt unter anderem für zwei Dinge bekannt – die zahlreichen Destillerien des Nationalgetränks Pisco und den Ausblick auf den nächtlichen Sternenhimmel. Sie darf sich sogar das erste internationale Lichtschutzgebiet der Welt nennen – was auch immer das heißen mag.

Für Dienstag Abend buchte ich also meinen ersten chilenischen Nachtbus. Im Endeffekt waren es sogar drei Busse, die ich im Laufe der Nacht wechseln musste. Zu wirklich unschönen Zeiten saß ich stundelang mit Sack und Pack an Busbahnhöfen, an denen es nur so von Männern wimmelte. Zugegeben, das war nicht wirklich schlau, zumal ich am nächsten Morgen in meinem Hostel mitten in der Pampa ankam, die Rezeption noch geschlossen war und ich nicht vor 13 Uhr einchecken konnte. Gelernt habe ich daraus, dass sich der Nachtbus bei einer Fahrt von fünf Stunden noch nicht lohnt, vielleicht eher bei zehn, fünfzehn, oder gar zwanzig Stunden. Während ich also darauf wartete, dass jemand an der Uhr dreht und ich endlich mein 8-Bett-Zimmer beziehen konnte, lernte ich Ben und Elly kennen. Die beiden hatten für diesen Tag eine Radtour mit Pisco- und Wein-Tasting geplant und ich war herzlich eingeladen die beiden zu begleiten.

Also zog ich mich schnell um, schnappte mir ein Fahrrad und folgte den beiden. Unser Ziel war das ca. 20 Kilometer entfernte Pisco Elqui, ein Ort bei dem der Name Programm ist. In der Stadt wimmelt es nur so von kleinen lokalen Pisco-Brennereien, die kostenlose Touren durch ihre Produktion anbieten. Also los! Wir entschieden uns, für den hügeligen Hinweg den lokalen Bus zu nehmen und später dann – mit hoffentlich nicht allzu viel Pisco und Wein im Kopf – zurück zu radeln. Das erwies sich allerdings erstmal als nicht ganz so einfach, denn die Busfahrer, die nur im 20-Minuten-Takt vorbei fuhren, hatten wohl keine Lust auf Touris mit lästigen Fahrrädern. Nach einer gefühlten Ewigkeit kamen wir aber dennoch an und waren bereit für die ersten Prozente. Die Tour, die wir machten war interessant und der Schnaps ganz schön stark, stärker als das, was man hier im Supermarkt kaufen kann. Denn die meisten Destillerien verkaufen ihre Produkte nur vor Ort. Anschließend nahmen wir noch an einer Wein-Verkostung teil und freuten uns dann auf den Rückweg durch das schöne Elqui Tal.

Zugegeben, der größere Teil der Strecke ging bergab und wir konnten ohne große Anstrengung die Aussicht genießen. Alles andere wäre bei der Hitze aber auch gar nicht möglich gewesen. Dieses Tal hat definitiv Bilderbuch-Charakter: ein strahlendblauer Himmel, überall erheben sich massive Andenvorläufe und dazwischen immer wieder leuchtendgrüne Felder, Kakteen, Palmen und unendlich viele Weinreben. Es war wirklich traumhaft schön und machte die Radtour zu einem echten Highlight nach meiner eher mittelmäßigen Nacht im Reisebus.

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Und das nächste Spektakel sollte schon am Abend auf mich warten. Denn nachdem die Sonne langsam hinter den Bergen verschwunden war und es dunkel wurde, konnte ich den schönsten Sternenhimmel bestaunen, den ich je gesehen hatte. Das Hostel, für das ich mich entschieden hatte, lag weit außerhalb der Stadt, so dass um uns herum keine Lichter zu sehen waren. Man sah nur die Konturen der Berge, unendlich viele funkelnde Sterne und sogar die Milchstraße. Die Voraussetzungen waren noch nicht perfekt, da der Mond weiterhin voll und hell strahlte, aber man konnte sie ganz leicht erkennen. Ich verbrachte Ewigkeiten damit, auf meiner Liege im Garten zu liegen und in den Himmel zu schauen, entdeckte immer wieder mehr und mehr Sterne und verstand, was am Elqui Tal so magisch sein sollte.

Ursprünglich wollte ich am nächsten und letzten Tag vor der Rückkehr nach Santiago die Umgebung weiter erkunden und am Abend eine Sternebeobachtungs-Tour machen, allerdings wurde dieser ruhiger als erwartet. Ich hatte mich die Tage zuvor am Fuß verletzt und musste mich nun auch noch mit einer Magen-Darm-Geschichte rumärgern – glücklicherweise das erste Mal, seitdem ich in Chile bin. Da ich also weder Laufen, noch Essen konnte, verbrachte ich einen mehr oder weniger entspannten Tag in einer der vielen Hängematten. Mit Blick auf das wunderschöne Valle del Elqui.

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