Capillas de Mármol. Ein Traum wird wahr.

Vielleicht fragt sich der ein oder andere von euch, warum es mich ausgerechnet in diese Ecke Patagoniens verschlagen hat. Wohlwissend, dass es nicht einfach ist, hier von A nach B zu kommen. Mal abgesehen davon, dass ich immer wieder merke, dass es mich eher in die unberührte Natur als in überlaufene Großstädte zieht, gibt es hier in Puerto Río Tranquilo etwas, was ziemlich weit oben auf meiner Was-ich-mir-unbedingt-anschauen-muss-Liste stand: die Capillas de Mármol.

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Die Capillas de Mármol – oder auch Marmorkathedralen – sind weltweit einzigartige Kalksteinformationen, die vor der Küste des Lago General Carrera liegen. Die besonderen Strukturen und Formen entstanden über Jahrtausende, indem die Wellen des Sees den Kalkstein ausgehöhlt, geformt und poliert haben.

Es ist Dienstag Morgen. Der Wecker klingelt um 6:05 Uhr und obwohl es ganz schön früh und draußen ungemütlich dunkel, kalt und stürmisch ist, freue ich mich schon auf diesen Tag. Auch der Muskelkater in den Beinen, den ich der gestrigen Gletscherwanderung zu verdanken habe, kann meiner Vorfreude nichts abhaben. Heute sind die Arme dran. Gemeinsam mit Costanza, meiner chilenischen Zimmernachbarin aus dem Hostel in Coyhaique, starte ich in Richtung Strand. Um 7:00 Uhr soll es losgehen. Ich bin etwas angespannt, weil ich Angst habe, dass die Gruppe ohne uns loszieht – immerhin sind wir knapp 20 Minuten zu spät. Ich soll mir keine Sorgen machen, wir seien ja schließlich in Chile. Da nimmt man das mit den Uhrzeiten nicht so genau wie in Deutschland. Na gut. Nach einem weiteren Zwischenstopp an der einzigen kleinen Tankstelle des Ortes und weiteren fünf Minuten Verspätung steigen wir kurz darauf mit sieben weiteren Teilnehmern und zwei Guides in die Vans des Veranstalters Valle Leone, mit dem wir gestern bereits die Tour zum Exploradores Gletscher gemacht haben.

Während die Sonne langsam aufgeht und uns ein Himmel in den schönsten Rottönen schenkt, fahren wir zu einer nahegelegenen Bucht. Die Capillas de Mármol können auf zwei Arten besucht werden, mit dem Boot und mit dem Kajak. Costanzia und ich haben uns für die sportliche Variante entschieden und stellen dies gleich zu Beginn in Frage. Denn bevor es losgeht, stellen wir uns alle vor: mit Name, Herkunft und unserer Kajakerfahrung. Wir sind die letzten beiden in der Runde und merken, dass wir die einzigen sind, die noch nie in so einem Ding saßen. Na das kann ja heiter werden, auf geht’s – bevor wir es uns anders überlegen. Mit Regenjacke, Rettungsweste und Spritzdecke ausgestattet geht’s in Richtung Strand. Hier gibt es für jeden ein Paddel und die wichtigsten Instruktionen. Kurze Trockenübung und ehe wir uns versehen, sitzen wir in unserem Zweierkajak und lassen uns auf dem größten See Chiles von den Wellen treiben.

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Nach und nach werden auch alle anderen aufs Wasser gezogen und wir haben Zeit uns etwas einzugrooven. Unsere ersten Versuche, uns vom Fleck zu bewegen sind von außen betrachtet sicher belustigend, aber es dauert nur kurz und wir haben den Dreh raus. Gemeinsam mit den anderen geht es nun einen Kilometer die Küste entlang. Der Wellengang ist stärker als sonst, was es schwerer macht, das Kajak unter Kontrolle zu behalten. Aber es klappt. Immer wieder tauchen unsere Paddel in das türkisblaue Wasser ein, erst links, dann rechts. Und wieder von vorne. Wir bewegen uns und das sogar schneller als wir wollen. Der Ausblick macht jede Anstrengung und das frühe Aufstehen wett. Obwohl das eigentliche Highlight noch in weiter Ferne liegt, bin ich jetzt schon überwältigt und dankbar, das alles erleben zu dürfen. In einem Kajak dem Sonnenaufgang entgegen zu paddeln, auf dem riesigen und wunderschönen Lago General Carrera. Einfach nur wunderschön und ein großer Gänsehautmoment!

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Und irgendwann liegt es vor uns das Naturdenkmal Santuario de la Naturaleza, bestehend aus den Marmorkathedralen, den Marmorhöhlen und der Marmorkapelle. Drei Gesteinformationen, eine schöner als die andere. Ich hatte vorher so viele Fotos und Videos von diesem Spektakel gesehen und konnte mir nicht vorstellen, dass es wirklich so faszinierend ist. Und doch, das ist es! Die Höhlen haben die skurrilsten Formen, mal ganz rund gespült, mal grob und spitz. Das türkisblaue Wasser spiegelt sich an den Wänden, die vom typischen Marmormuster und vielen kleinen Facetten überzogen sind. Überall funkelt es in den schönsten Blautönen.

Wir paddeln mit unseren Kajaks durch die Tunnel, die teilweise so eng sind, dass wir nur unsere Hände zum Fortbewegen nutzen können. Ich weiß gar nicht, wo ich hinschauen soll, weil es zu viel zu bestaunen gibt. Im Winter, wenn der Wasserpegel sinkt, kann an einer bestimmten Stelle sogar in die Höhlen hineinklettern und sie zu Fuß erkunden. Oder tatsächlich heiraten. Die Gäste sitzen dann in Booten auf dem See, während sich das Brautpaar in der Marmorkapelle das Ja-Wort gibt. Wow.

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Nach vielen erstaunten Aaahs und Ooohs und unzähligen Fotos geht es mit dem Kajak zurück ans Festland. Die Wellen werden stärker und die Arme müde. Costanza und ich sind stolz auf unsere Leistung und loben uns gegenseitig in den höchsten tönen. Kaum habe ich wieder festen Boden unter den Füßen, beschließe ich, dass ich noch nicht genug habe. Ich möchte mir dieses Spektakel noch einmal anschauen. Diesmal mit dem Boot, um mich weniger anstrengen zu müssen und mehr genießen zu können.

Also stehe ich am nächsten Morgen noch einmal früh auf und nehme das Boot. Und obwohl ich das alles bereits live und in Farbe gesehen habe, ist der Anblick nicht weniger beeindruckend. Ganz im Gegenteil.

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Ein Kommentar zu „Capillas de Mármol. Ein Traum wird wahr.

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  1. Ich bin ja so hin und weg ? Von den Bildern und deinen tollen Geschichten. Wie du das alles beschreibst gibt mir das Gefühl live dabei zu sein. Ich kann mir vorstellen, dass das ein must see ist und ich setze die Capillas de Mármol somit auch auf meine Bucketlist! Respekt an die Paddel-Aktion ?

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