Chiloé, du Schönheit.

Nachdem ich die ersten Tage nach meiner Ankunft etwas kopflos war, habe ich nun auch noch mein Herz verloren. Auf einer Insel im wunderschönen Norden Patagoniens.

Chiloé Ancud Straßen1

Während meiner Reisevorbereitung bin ich immer wieder über die zweitgrößte Insel Chiles gestolpert. Blogs, Reiseführer und Instagram sorgten dafür, dass mich Chiloé mit der unberührten Natur und den süßen Holzhäuschen immer wieder aufs neue verzaubert hat. Eigentlich war schnell klar, dass dies mein erster Stopp hier in Chile sein soll. Nur mit der Planung hat es lange gedauert. So ist das einfach, wenn man sich entscheiden muss. Chile hat unheimlich viel zu bieten und auch wenn ich drei Monate hier im Land bin, werde ich nicht alles sehen können, was auf meiner To-Do Liste steht. Umso schwieriger ist es dann, sich festzulegen. Sich für ein Ziel zu entscheiden und dafür drei andere zu streichen. Man hat immer das Gefühl, man könnte etwas verpassen, es könnte etwas noch besseres kommen. Blicke ich aber zurück auf die letzten drei Tage, dann bin ich davon überzeugt, alles richtig gemacht zu haben.

Mein Inselabenteuer startete am Dienstag Morgen in Puerto Montt, hier war ich am Tag zuvor nach meiner langen Reise gelandet. Nachdem ich gefrühstückt und mich von Tómas, meinem herzlichen Gastgeber verabschiedet hatte, ging es los. Mit Sack und Pack in Richtung Busbahnhof. Ich war aufgeregt und viel zu früh. Draußen an der Uferpromenade suchte ich mir ein Plätzchen in der Sonne. Überall Chilenen mit ihren Trekkingrucksäcken, vollgepackt bis obenhin. Auf dem Weg in ihre Sommerferien. Es war kurz vor eins, Zeit nach dem Bus zu suchen, der mich nach Ancud bringt. Mein erster Halt auf der chilotischen Insel. Ich stellte mich in die Reihe und gab meinen großen Rucksack ab. Mein Gepäck erhielt einen Aufkleber, ich einen Zettel mit einer Nummer. Nicht schlecht, dachte ich. Busfahren in Chile ist organisierter als ich mir vorgestellt hatte, denn mit dem Busticket kauft man auch gleich einen nummerierten Sitzplatz mit. Ich stieg ein und genoss die Fahrt durch die chilenische Natur, ich liebe Busfahren einfach. Nach Chiloé gibt es keine Brücke, also nahmen wir die Fähre, die ungefähr eine halbe Stunde benötigt. Als wir in Ancud ankamen, stieg ich mit ein paar anderen Fahrgästen und der Gepäcknummer in der Hand aus. Der Rest blieb sitzen. Alle anderen fanden ihr Gepäck auf Anhieb, meins schien verschollen zu sein. Und da war sie wieder, die Panik. Wenigstens hatte ich alle wichtigen Dinge in dem Rucksack, den ich bei mir trug. Als hätte ich es geahnt, hatte ich bereits im Bus mein Spanischbuch zu den Wörtern „türkis“ und „Rucksack“ befragt und versuchte dem Busfahrer klar zu machen, was ich suchte. Nach einer gefühlten Ewigkeit fand ich ihn, freute mich wie ein kleines Kind und war froh, dass ich mich beim Kauf für eine auffällige Farbe entschieden hatte.

Chiloé Fähre

Chiloé Ancud Hafen

Ancud
Nachdem ich mein Gepäck im Hostel abgelegt hatte, ging ich los, um die Stadt zu erkunden. Ich besuchte den Hafen mit den unzähligen bunten Booten, lief ans Meer und beobachtete die Menschen auf der Plaza de Armas, dem wichtigsten Treffpunkt der Stadt. Den ganzen Tag könnte ich irgendwo sitzen und dieses entspannte und liebenswerte Völkchen beobachten.

Chiloé Ancud Straßen

Chiloé Ancud Straßen2

Puñihuil
Bevor es am nächsten Tag dann weiter Richtung Süden ging, machte ich eine geführte Tour zu den Pinguinkolonien in Puñihuil. Urspünglich wollte ich dies auf eigene Faust organisieren und dort mit dem Linienbus hinfahren. Da ich jedoch am Mittag pünktlich zurück sein musste, um den Bus nach Castro zu nehmen, entschied ich mich für eine geführte Tour. Gute Entscheidung, denn zufälligerweise bot meine Unterkunft genau dieses Ziel an. Rául, der Guide, holte mich und zwei weitere Chilenen am Morgen ab und erzählte uns auf dem Weg zu den Pinguinkolonien einiges über Chiloé, die Natur und das Erdbeben von Valdivia, welches 1960 weite Teile Chiloés in Mitleidenschaft zog und als schwerstes Erdbeben des 20. Jahrhunderts in die Geschichte einging.

In Puñihuil angekommen wartete schon ein Boot auf uns. Die Pinguine leben auf vorgelagerten Inseln, welche zum Glück von niemandem betreten werden dürfen. Also schipperten wir bei Sonnenschein und abenteuerlichem Wellengang zwischen den kleinen Inseln entlang und beobachteten tausende von Humboldt- und Magellan-Pinguinen, wie sie sich von den Klippen stürzten, im Meer badeten oder einfach die Sonne genossen.

Chiloé Punihuil Pinguine

Chiloé Punihuil3

Chiloé Punihuil4

Chiloé Punihuil

Castro
Castro ist die drittälteste Stadt Chiles und die Hauptstadt der wunderschönen Insel Chiloé. Castro ist größer und wuseliger als Ancud – hier wimmelt es nur so von Touristen. Kein Wunder. Aufgrund der Lage eignet sich die Stadt prima für Inselerkundungen, sie liegt nämlich genau in der Mitte. Typisch für das Stadtbild sind die sogenannten palafitos, bunte Pfahlbauten, die man besonders häufig entlang der Küste findet. Auch wenn die Häuser oft ziemlich mitgenommen aussehen, sind sie dennoch wunderschön.

Chiloé Castro palafitos

Chiloé Castro Kirche

Am Abend lief ich die Uferpromenade entlang, vor mir zwei Frauen und ich wunderte mich, dass ich jedes Wort verstand. Es waren Deutsche. Ich überlegte etwas essen zu gehen, verdrängte den Gedanken aber schnell wieder, denn das hatte ich mich bisher noch nicht getraut. Es klingt verrückt, aber mich alleine in ein Restaurant zu setzen wollte ich in den ersten Tagen, in denen ich mich noch sammeln, zurechtfinden und mit den spontanen Zweifelmomenten umgehen musste, irgendwie nicht. Ich kam an einem schnuckeligen Restaurant auf Stelzen vorbei und schaute auf die Speisekarte. Während ich feststelle, dass mein Magen sich über ein richtiges Abendessen tierisch freuen würde, tauchten die beiden Deutschen wieder neben mir auf. Wir kamen ins Gespräch und sie luden mich ein, mit ihnen essen zu gehen. Ursula und Susanne waren super nett, wir erzählten viel über Chile und mein Freiwilligenprojekt und stellten irgendwann mit Erschrecken fest, dass es schon dunkel und kurz vor 10 war.

Huillinco und Muelle de las Almas
Am letzten Tag in Chiloé mache ich einen Tagesausflug in den Westen der Insel. Mein erster Stopp war Huillinco, ein kleines verschlafenes Dörfchen direkt am See. Ich bin ziemlich sicher, dass sowohl der Busfahrer, als auch die Einheimischen vor Ort verwundert waren, warum ich als Tourist in Huillinco aussteige. Zugegeben, wirklich viel gabs hier nicht zu sehen. Ich folgte dem Tipp meines Reiseführers und schaute mir dort den Friedhof an und der war ziemlich süß. Statt Grabsteinen findet man hier typische chilotische Holzhäuschen in Mini, teilweise mit Gardinen, Lichtern und Blumen an dekoriert. Auch wenn ich Friedhöfe nicht mag, mehr Charme als die kalten eintönigen Grabsteine, die man aus Deutschland kennt, hatte dies auf jeden Fall. Bevor ich weiterfuhr traf ich auf ein chilenisches Paar aus Santiago, welches hier für ein paar Tage Ruhe vor der Großstadt suchte. Sie waren erstaunt, dass ich aus Deutschland komme und alleine durch Chile reise. Ja, manchmal geht es mir genauso.

Chiloé Huillinco Friedhof

Fotoblog2 Muelle de las Almas5

Mein absolutes Highlight war aber der Besuch der Muelle des las Almas, ein Bauwerk des chilenischen Künstlers Marcelo Andrés Orellana Rivera, welches auf eine alte Mapuche-Sage zurück geht. Es heißt, dass die Seele der Toten genau an diesem Punkt der Insel über das Meer ins Jenseits befördert werden. Hier steht heute ein hölzerner Steg, der als Bootsanleger dienen soll.

Auch wenn ich nicht viel von Mythen und Sagen halte, ist es doch ein schöner Gedanke und ein tolles Plätzchen inmitten unberührter Natur. So friedlich und überwältigend zugleich. Bereits auf dem 45-minütigen Fußmarsch zur Muelle de las Almas habe ich gemerkt, wie mich jeder einzelne Schritt entschleunigt und ich die vielen vielen Eindrücke, die in den letzten Tagen unkontrolliert auf mich eingeprasselt sind, hinter mir lasse.

Bevor ich in den Bus Richtung Castro stieg, traf ich auf meine erste chilenische Freundin. Wie sie heißt habe ich leider nicht verstanden. Sie ist fünf und lebt mit ihrer Familie in einem kleinen blauen Haus auf dem Privatgrundstück, auf dem sich die Muelle de las Almas befindet. Fasziniert von meiner Kamera wich sie mir nicht mehr von der Seite, bis ich schließlich nach unzähligen gemeinsam geschossenen Fotos in Richtung Bus aufbrechen musste.

Auf dem Weg zurück nach Castro kämpfte sich der vollbesetzte Bus die steilen Hügel hoch und wieder runter. Immer und immer wieder. Platz war laut Aushang für 25 Fahrgäste, wir waren aber deutlich mehr. Vielleicht sogar doppelt so viele. Der Motor heulte so laut auf, dass er einem fast Leid tun konnte. Wir wackelten so stark hin und her, dass ich glaubte, wir würden zwischenzeitlich nur noch auf 2 Reifen fahren. Während ich mich fragte, wie man hier kleine chilenische Linienbusse entlang fahren lassen kann, ging ich gedanklich schon einmal die Orte in meinem Rucksack ab, an denen ich meine Magentabletten versteckt haben könnte. Nur für den Fall der Fälle. Irgendwann wurde es dem Busfahrer dann wohl zu blöd. Er hielt an, ließ alle aussteigen, die keinen Sitzplatz hatten und sammelte sie oben auf dem Hügel wieder ein. Gut, dass ich einen gemütlichen Platz am Fenster hatte und bei der Hitze nicht die unbefestigte steile Straße heraufklettern musste.

Fotoblog2 Muelle de las Almas7

Jetzt sitze ich hier in meinem Zimmer in Castro und schreibe meine Gedanken zu den letzten Tagen auf. Der Himmel draußen ist blau, die Sonne brennt auf meiner Haut. So sehr, dass es fast weh tut. Und von jetzt auf gleich regnet es wie aus Eimern. Wo die Wolken plötzlich herkommen ist mir ein Rätsel. Oh Chiloé, du wirst mir fehlen, denn gleich geht es mit dem Bus zurück zu Tómas nach Puerto Montt, wo ich meine restlichen Sachen einpacke und am Samstag nach Valparaíso zu meinem Freiwilligendienst aufbreche.

Ein Kommentar zu „Chiloé, du Schönheit.

Gib deinen ab

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere

Betrieben von WordPress | Theme: Baskerville 2 von Anders Noren.

Nach oben ↑