Danke Valpo.

Das waren sie also – meine letzten 24 Stunden in Valparaíso. Die Stadt, die mir in den vergangenen sechs Wochen mehr als nur ein bisschen ans Herz gewachsen ist. Mit ihrer wunderschönen “Unperfektheit”, dem Meer direkt vor der Tür und den lieben Menschen, die sie in mein Leben gebracht hat. Aufregender und voller Momente, die ich so schnell sicher nicht vergessen werde, hätte dieser letzte Tag nun kaum sein können.

Ludoteca letzter Tag7

Auch wenn er ganz schön blöd begann. Denn für den Abend hatten wir in der WG ein kleines Abschiedsessen geplant und meine Vorbereitungen dafür liefen leider anders als geplant. In meiner Euphorie hatte ich den Jungs versprochen, Empanadas – die typischen chilenischen Teigtaschen – zu machen. Immerhin hatte ich das ja im Kochkurs gelernt und die Rezepte bekommen. Ich mischte also die Zutaten, um den Teig anzusetzen und scheiterte kläglich. Meine Versuche, das ganze irgendwie zu retten waren erfolglos, weil ich einfach nicht rausfinden konnte, was genau ich falsch gemacht hatte. Der Teig war zu flüssig und drohte davon zu schwimmen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was das für eine Sauerei in der Küche war. Da ich das Ganze so cool aussehen lassen wollte, wie beim Kochkurs, nutzte ich keine Schüssel. Nein, ich schüttete das ganze Mehl auf den Tisch und fügte dann die restlichen Zutaten dazu. Erst sehr viel später fand ich heraus, was das Problem an der ganzen Sache war. Ich hatte in der Hektik aus Zweidrittel Tassen Wein leider 2-3 Tassen gemacht, die natürlich über den halben Tisch liefen und sich auch nicht durch mein Gefluche stoppen ließen. Die Jungs hatten bei dem Anblick wohl  ihren Spaß, ich nicht. Ursprünglich war mein Plan, noch vor der Arbeit meine Rucksäcke fertig gepackt zu haben, damit ich mir am Abend darum keine Gedanken mehr machen musste. Leider hatte ich nach dem Empanada-Unglück keine Zeit und auch irgendwie keine Lust mehr, das Packen musste also warten und der Teig, der keiner war, landete im Müll. Bevor ich mich zu meinem letzten Tag im Freiwilligenprojekt aufmachte, ging es zum Supermarkt – fertigen Empanadateig kaufen, um mein Frustlevel wenigstens etwas zu senken.

Anschließend machte ich mich auf zum Cerro Merced. Ich nahm mein letztes Sammeltaxi, um die steilen Straßen hinaufzukommen und fragte mich ein letztes Mal, wer sich das freiwillig zu Fuß antut. Als ich dann im Freiwilligenprojekt ankam, immer noch gestresst, weil bisher einfach nichts klappten wollte und mein Zeitmanagement mal wieder fernab der Realität war, wurde ich gleich zu Beginn mit so viel Kinderliebe überschüttet, dass ich gar nicht anders konnte, als den chaotischen Morgen zu vergessen. AndreaPaz – die mir mit ihren 11 Jahren und ihrem liebenswerten Wesen in der Zeit besonders ans Herz gewachsen ist – nahm mich zur Seite und drückte mir einen selbstgeschriebenen und bemalten Zettel in die Hand. Ich las die Zeilen und hatte zum ersten Mal an diesem Tag einen Kloß im Hals.

Ludoteca letzter Tag6

Während ich später mit Pita – mit vier Jahren eine der kleinsten Mädels – die Pflanzen im Hof goss, kam Aaron vorbei. Aaron ist 13 und eher von der cooleren Fraktion. Ich fragte ihn, ob er heute auch zum Workshop kommt und er verneinte, erzählte mir, dass er auf die Geschwister aufpassen muss. Ich nutzte die Gelegenheit, um ihm zu sagen, dass heute mein letzter Tag sei und ich bald zurück nach Deutschland ginge. Seine Worte sorgten dafür, dass ich von neuem mit meinen Emotionen kämpfen musste. “Tante, warum musst du denn zurück nach Deutschland. Bleib hier, du hast doch eine neue Arbeit bei uns gefunden. Du brauchst deine alte Arbeit in Deutschland gar nicht mehr.” Wenn die Welt doch manchmal wirklich so einfach wäre, wie durch Kinderaugen.

Natürlich verließ ich das Projekt nicht, ohne doch noch Tränen zu vergießen. Denn zum Abschluss des Workshops hatten die Kinder zusammen mit den anderen Freiwilligen eine kleine Abschiedsfeier für mich vorbereitet. Bevor wir uns alle auf das Obst und die selbstgebackenen Kekse stürzten, gab es aber ein paar sehr emotionale Worte. Erst waren die Kinder dran: jeder der wollte, durfte etwas loswerden. Schon an diesem Punkt kullerten die ersten Tränen über meine Wange, weil ich mit so viel Dankbarkeit und wunderbaren Worten gar nicht gerechnet hatte. Besonders nicht von den Kindern, mit denen ich leider nie intensiv Zeit verbracht hatte. Anschließend lasen Olivia und Marleena, die beiden Projekt-Kolleginnen, die ich in der Zeit wirklich sehr ins Herz geschlossen habe, eine Karte vor – auf Englisch, um sicher zu gehen, dass ich auch wirklich jedes Wort davon verstand. Nach einer Tanzvorführung und Gruppenfotos war es dann Zeit zu gehen. Schließlich wartete schon die nächste Party auf mich.

Ludoteca letzter Tag5

Ludoteca letzter Tag4

Ludoteca letzter Tag

Ludoteca letzter Tag3

Ludoteca letzter Tag2

Kaum zuhause, klingelte es auch schon an der Tür. Die ersten Gäste waren da und ich hatte noch immer nicht gepackt. Und das, obwohl in genau 12 Stunden mein Bus Richtung Norden abfahren sollte. Neben meinen Mitbewohnern hatte ich ein paar Freunde eingeladen, die nach und nach eintrafen. Wir bereiteten gemeinsam das Essen vor und aßen leckere Snacks, tranken Mojitos, tanzten zu lateinamerikanischer Musik und hatten eine Menge Spaß in unserer kleinen WG-Küche. Weil die Stimmung wunderbar ausgelassen und die Nacht noch jung war, beschlossen wir weiter zu ziehen und tanzen zu gehen. Gedanklich verabschiedete ich mich von meinem frühen Bus und beschloss, einfach den nächsten zu nehmen, falls ich es nicht schaffen sollte. Ich hatte einfach zu viel Spaß und vielleicht auch ein bisschen zu viel Alkohol. Um vier Uhr hatten wir alle genug. Nachdem ich mich von meinen Freunden verabschiedet hatte, lief ich mit den Jungs nach Hause. Glücklich, weil ich eine wunderbare letzte Nacht in Valpo hatte und mich auf die weitere Reise freute und traurig, dass ich diesen verrückten Haufen nun verlassen musste. Natürlich hat es sich nicht mehr gelohnt, schlafen zu gehen. Denn der Koffer war zum Zeitpunkt unserer Rückkehr aus dem Club immer noch nicht gepackt. Also verabschiedete ich mich von der WG, verstaute alles, was ich hatte in meinen beiden Rucksäcken, duschte noch schnell und machte mich auf den Weg in Richtung Busbahnhof. Ohne auch nur eine Minute geschlafen zu haben.

Danke Valpo. Danke für die letzten sechs Wochen voller wunderbarer Momente und tollen Menschen und das bisschen Alltag, dass du mir auf dieser langen und ereignisreichen Reise gegeben hast.

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