Der Weg zur Lagune des Cerro Castillo.

Ich bin unglaublich müde und mir tut einfach alles weh, was weh tun kann. Ich möchte keinen Schritt mehr laufen und werde morgen den Muskelkater meines Lebens haben. Aber ich hab sie geschafft, die Tageswanderung zur Lagune des Bergs Cerro Castillo. Sieben steile Kilometer rauf und sieben wieder runter. Schwierigkeitsgrad mittel bis schwer. 1061 Höhenmeter. In sechseinhalb Stunden. Geiler Scheiß, ich kann es selbst kaum glauben.

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Irgendwie sind diese zehn Tage in Patagonien sportlicher als gedacht. Und ich nehme Herausforderungen an, die mich selbst staunen lassen. Aber so ist so eine Soloreise ans andere Ende der Welt irgendwie. Man wächst mit jedem Tag, jedenfalls innerlich.

Als ich vor ein paar Tagen beschlossen habe, auf meinem Rückweg einen Abstecher nach Villa Cerro Castillo zu machen, war die Idee, die Lagune zu besuchen natürlich schon geboren. Denn viel gibt es hier im kleinen Örtchen nicht zu sehen. Um ehrlich zu sein wirklich nichts. Ich hatte im Vorfeld im Internet und meinem Reiseführer von der Lagune und dem Weg dahin gelesen und wusste nicht, ob ich mir da zu viel zutraue. Wollen ist eine Sache, können aber eine andere. Ich bin ja kein großer Wandermensch und hätte dies in einem Urlaub wahrscheinlich auch nicht gemacht. Aber irgendwie hat mich diese Herausforderung gereizt, auch wenn Blogbeiträge anderer Reisenden einen harten und steilen Aufstieg versprachen. Während ich nach einer Unterkunft für die kommenden zwei Tage suchte, fand ich eine interessante Tour: eine Kombination aus Ausritt und Wanderung. Die Hälfte der Strecke legt man demnach auf dem Pferd zurück, den Rest – und leider schwierigsten Part – geht man dann zu Fuß. Mit dieser Idee konnte ich mich anfreunden, auch wenn ich kein großer Pferdefan bin. Okay, das klang nach einem Plan. Auf nach Villa Cerro Castillo.

Allerdings kommt es manchmal anders als man denkt, denn auf Anfrage musste ich mal wieder feststellen, dass alleine reisen auch seine Nachteile hat. Spätestens dann, wenn man eine Tour buchen möchte und diese erst ab zwei Personen statt findet. Es ist bereits außerhalb der Saison und wirklich viel ist in diesem kleinen Dörfchen nicht los. Die Hoffnung, dass sich noch eine zweite interessierte Person findet, war zwar da, aber wirklich dran geglaubt habe ich nicht. Ich sollte Recht behalten, denn die Tour fand leider nicht statt. Gut, dass mich bereits der Ehrgeiz gepackt hatte, in den nächsten Ort zu fahren, ohne diesen Wanderung zu machen war also nicht drin.

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Das Rio Ibañez Tal mit Regenbogen. Wer findet ihn?

Um 10 Uhr morgens lief ich am nächsten Tag in meinem Hostel los. Das Wetter war nicht gerade das Beste, es war bewölkt und ziemlich kalt. Bis zum Start des Wanderwegs waren es 1,7 Kilometer. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich wusste, wohin ich musste. Der Versuch, noch schnell eine geeignete App runterzuladen, scheiterte aufgrund des miserablen W-Lan Empfangs. Aber ich war mir sicher, auf dem Weg noch andere Wanderer zu treffen. Und so war es dann auch. Direkt zu Beginn des Wanderwegs traf ich auf Raúl und Eugenio, zwei Herren aus Santiago, die vor 40 Jahren zusammen an der Uni waren und seitdem gemeinsam reisen. Wir kamen ins Gespräch und beschlossen, den Tag gemeinsam zu bestreiten.

Der erste Teil des Wegs führte durch ein privates Gelände, so dass man hier eigentlich  10.000 CLP – rund 13 Euro – Eintritt bezahlen muss. Aber das Kassenhäuschen war leer und keine Menschenseele zu sehen. Nur einen Zettel hat man den Wanderern hinterlassen: “Ich bin ab 16:30 Uhr da, bezahlt bei Rückkehr. Es ist kalt da oben.” Ermutigende Aussichten, danke für den Hinweis. Wir kletterten über eine kleine Holzleiter in den abgezäunten Bereich. Los ging es zur Lagune des Cerro Castillo.

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Die ersten Meter waren noch angenehm, wir überquerten ein Feld und kamen nach wenigen hundert Metern an einer Abzweigung vorbei. Rechts ging es mit einem 20 minütigen Umweg zu einem Wasserfall. Wir waren uns schnell einig, dass dies bei einer mit 7-8 Stunden ausgeschriebenen Wanderung auch nicht mehr ins Gewicht fällt und bogen ab. Der Weg war idyllisch und führte uns an einen Ort, an dem wir unsere erste kurze Pause einlegten. Zum Fotos schießen, genießen und erzählen. Ich merkte, dass sich mein Spanisch verbessert hatte und erzählte den beiden viel über mich. Über die Reise und mein Leben in Deutschland. Lustigerweise stellte sich heraus, dass die beiden schon einmal in Mannheim und Heidelberg waren. Sie erinnerten sich noch an viele Details und so liefen wir weiter und erzählten über meine Heimatstadt.

Zurück auf der eigentlichen Route wurde es dann zunehmend steiler. Und wir waren noch gar nicht lange unterwegs. Während wir also weiter und weiter liefen, wurde mir immer wieder klar, dass mir das hier alles abverlangen würde. Denn ich wusste ja, dass die letzten beiden Stunden die schwersten werden. Und bis dahin noch ein paar Kilometer auf uns warteten. Wir liefen durch hübsche Waldabschnitte und über Felder, von denen wir einen traumhaften Ausblick über das komplette Tal hatten. Inklusive Regenbogen. Insgesamt hatte diese Wanderung landschaftlich so einiges zu bieten, was die Sache natürlich etwas erleichterte und den Ehrgeiz aufrecht erhielt. Wir legten immer wieder kurze Pausen ein und feierten jede Kilometer-Markierung mit einem lauten Jubelschrei. Irgendwann kamen wir vom privaten Gelände in das Reserva Nacional Cerro Castillo, spätestens hier hätte ich also vom Pferd absteigen müssen.

Mit der 6-Kilometer-Markierung startete dann der schwierigste Abschnitt. Die letzten beiden Kilometer! Es ging unglaublich steil bergauf, der Wind peitschte uns um die Ohren und es wurde mit jedem Höhenmeter kälter. Ich musste wirklich mit mir kämpfen, umkehren war keine Option. Während wir auf der bisherigen Strecke kaum eine Menschenseele trafen, waren hier oben schon mehr Leute unterwegs. Auch einige, die die viertägige Wanderung machten und vollgepackte 90 Liter Rucksäcke mit sich herumtrugen. Ich fragte mich immer wieder, wie man das schafft mit so einem Monstrum auf dem Rücken. Wir hielten öfter an, machten längere Pausen und meisterten schließlich das allerletzte Stück mit der letzten verfügbaren Energie. Viel mehr Anstieg hätte ich wirklich nicht geschafft.

Oben angekommen wurden wir fast vom Wind weggepustet. Sicher auf zwei Beinen stehen war unmöglich. Es war kalt, die Sicht leider nicht die Beste und geregnet hat es schließlich auch. Schade! Nach dem stundenlangen und wirklich anstrengenden Weg wäre ich gerne länger hier oben geblieben und hätte die Aussicht genossen. Aber das Wetter hat uns einfach einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Also haben wir kurz ein paar Erinnerungsfotos geschossen und haben uns dann ein windgeschütztes Plätzchen gesucht, um uns ein bisschen zu stärken.

Um kurz vor 15 Uhr war es dann Zeit für den Rückweg, von dem ich mir ja versprach, dass er weniger anstrengend wird. Und ja er war weniger anstrengend, aber bei weitem nicht einfach. Die Kraft in den Beinen war weg, das Laufen auf dem Geröll und den steilen Wegen wurde aufgrund des Wetters zur Rutschpartie. Aber wir hatten es geschafft und das sogar in kürzerer Zeit als vorausgesagt.

Natürlich war ich am Ende etwas enttäuscht, dass wir von dort oben keinen Blick auf den Cerro Castillo mit seinen 2.675 Metern und den imposanten Bergspitzen werfen konnten. Aber ich hatte ihn ja bereits mehrfach bei gutem Wetter aus dem Tal bestaunen können. Und deswegen hat sich der Aufstieg dennoch gelohnt.

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Der verschneite Cerro Castillo bei blauem Himmel und guter Sicht.

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3 Kommentare zu „Der Weg zur Lagune des Cerro Castillo.

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