Dialog im Stillen – ein Ausflug in die Welt der Gehörlosen.

Habt ihr euch schon einmal gefragt, wie es wohl wäre mit Handicap durch die Welt zu gehen? Im Rollstuhl zu sitzen und darauf angewiesen zu sein, dass es überall barrierefreie Wege gibt? Seinen Alltag zu bestreiten, obwohl man blind ist und keinen Sehsinn hat, um sich schnell und einfach auf der Straße zu orientieren? Oder eine Serie auf Netflix zu schauen ohne Geräusche, Stimmen oder Worte wahrnehmen zu können? Nichts außer das bewegte Bild?

Um ehrlich zu sein, frage ich mich letzteres ziemlich oft. Ich tue dies, weil ich einen sehr engen Bezug zur Gehörlosigkeit habe – denn meine Mutter litt mit 3 Monaten an einer Hirnhautentzündung und ist seitdem auf beiden Ohren taub. Meine Mutter schaut Filme, die für sie keinen Ton haben. Sie versucht Unterhaltungen sprechender Menschen zu folgen und muss sich oft eingestehen, dass sie an ihre Grenzen stößt. Weil die anderen zu schnell reden, Fremdwörter benutzen, die meine Mutter nicht versteht oder einfach weil sie einen Bart tragen und somit der Mund, den Gehörlose so dringend zum Lippenlesen benötigen, verdeckt wird. Obwohl sie für eine kurze Zeit in ihrem Leben hören konnte, kennt sie es nicht anders. Und ich kenne sie nicht anders. Auch wenn ich sicher mehr Verständnis für die Bedürfnisse von gehörlosen Menschen habe und weiß, wie ich ihnen den Alltag etwas einfacher machen kann, so weiß ich trotzdem nicht, wie meine Mutter die Welt wahr nimmt.

Das Konzept eines Dunkelrestaurants kennen wohl die meisten. Beim Dinner in the dark können Interessierte einen Ausflug in die Welt der Blinden machen und sich ganz auf den Geschmack des Menüs konzentrieren. Ohne vom Aussehen oder Ambiente beeinflusst zu werden. Es geht darum, den Geschmackssinn auf die Probe zu stellen. Das Dialoghaus in der Hamburger Speicherstadt hingegen hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen ohne Handicap die alltäglichen Herausforderungen von Blinden, Gehörlosen und Senioren aufzuzeigen. Sie erlebbar zu machen.

Bereits vor einigen Jahren war ich zu Besuch im Dialoghaus, damals um die Ausstellung Dialog im Dunkeln zu erleben. Ausgestattet mit einem Langstock durchlief ich mit einem blinden Guide und weiteren sieben Teilnehmern den angelegten Parcours – in völliger Dunkelheit. Wir liefen durch einen Park, überquerten eine befahrene Straße und nahmen einen Drink in der hauseigenen Dunkel-Bar. Situationen, die mir eigentlich so bekannt und vertraut sein sollten, waren plötzlich völlig fremd und eine große Herausforderung  Obwohl ich damals wie heute keinen persönlichen Bezug zur Welt der Blinden habe, denke ich auch Jahre später noch an diesen Besuch.

Seit 2016 stand das Dialoghaus nun erneut auf meiner To-Do-Liste, denn es gab eine neue Ausstellung. Die Ausstellung Dialog im Stillen, die ich nach den Erfahrungen, die ich dort bereits gemacht hatte und den Bezug zur Gehörlosigkeit durch meine Mutter, unbedingt besuchen wollte.

In der letzten Woche war es dann endlich soweit. Nach ein paar wirklich schönen Tagen an der Nordsee machten wir auf dem Weg nach Hause einen kleinen Abstecher nach Hamburg. In einer Gruppe von sechs Teilnehmern entdeckten wir mit unserem gehörlosen – und wirklich sehr sympathischen – Guide die Ausstellung. Wir starteten zur Einstimmung mit einem Spiel: An einem runden Tisch bekamen wir ein Schlagwort und mussten aus einer großen Auswahl an Bildern, die vier Bilder auswählen, die am Besten zum vorgegebenen Wort passten. Anschließend verglichen wir unsere Bilder mit den anderen und vergaben Punkte für Übereinstimmungen. Natürlich alles, ohne auch nur ein Wort zu benutzen.

© Foto: Dialoghaus Hamburg gGmbH
© Foto: Dialoghaus Hamburg gGmbH

Bevor es weiter ging, zeigte uns der Guide die Regeln für die nächsten 60 Minuten. Das wichtigste dabei: die schalldichten Kopfhörer tragen und nur mit den Händen sprechen. An verschiedenen Stationen lernten wir die Verständigung mittels Körper- und Gebärdensprache und übten Emotionen nur über Mimik und Gestik auszudrücken. Wir errieten die Gebärden verschiedener Tiere und beschrieben unserem Gegenüber ein Bild, welches er mit Bausteinen und Spielfiguren nachstellen sollte. In völliger Stille.

Zum Schluss konnten wir in einer offenen Runde Fragen stellten, die durch eine anwesende Dolmetscherin übersetzt wurden. Wir sprachen unter anderem darüber, dass man im Gespräch immer den Gehörlosen anschauen sollte, auch wenn ein Dolmetscher mit dabei ist. Denn dieser ist nur die Stimme, die übermittelt. Und wir klärten, dass auch bei unserem Guide eine Hirnhautentzündung zum Verlust des Gehörs geführt hat und dass es keine einheitliche Gebärdensprache auf der Welt gibt, sondern viele verschiedene. Sogar innerhalb Deutschlands – verschiedene Dialekte sozusagen.

Auch diesmal war ich sehr dankbar für diese Erfahrung und die Möglichkeit, in eine andere Welt einzutauchen. In die Welt meiner Mutter, ganz ohne Ton. Es mag wohl anfangs etwas Überwindung kosten, sich auf dieses Experiment einzulassen. Sich dazu zu ermahnen, nicht zu sprechen, obwohl dies so viel einfacher machen würde. Aber es geht. Und dann läuft man nach 60 Minuten aus der Ausstellung und merkt erst dann verblüfft, dass alle anderen Teilnehmer gar kein Deutsch verstehen. Sondern aus anderen Ländern kommen und nur Englisch sprechen.

© Foto: Dialoghaus Hamburg gGmbH

Eine Frage, die mich übrigens auch nach der Ausstellung noch lange beschäftigt hat war: Was können Hörende tun, um Gehörlose mehr in die Gesellschaft zu integrieren? Die Antwort unseres Guides war kurz, denn er sagte: Die Gebärdensprache lernen und lachte dabei. Und wenn ich so darüber nachdenke, dann mag das in irgendeiner Weise natürlich stimmen. Obwohl ich eine gehörlose Mutter habe, kann ich die Gebärdensprache nicht wirklich gut. Als Kind wollte ich sie nie lernen und als Erwachsener ist es unheimlich schwierig auf ein Niveau zu kommen, auf dem man sich gut verständigen kann. Auch wenn es den Alltag für meine Mutter und die vielen Gehörlosen da draußen tatsächlich einfacher machen würde, ist das wahrscheinlich ein schwer erreichbares Ziel.

Aber vielleicht fangen wir einfach damit an, etwas mehr Verständnis zu zeigen. Offener zu sein. Toleranter. Und Hilfe anzubieten, wo sie offensichtlich benötigt wird. Das würde auf jeden Fall schon helfen.

Dialoghaus Hamburg

Ausstellung: Dialog im Stillen

Ort: Speicherstadt

Dauer: 60 Minuten

Preis: Kinder 11,50€/ Erwachsene 17,50€

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