Die Kinder des Cerro Merced.

Valparaíso besteht aus 45 Hügeln, auch Cerros genannt. Je weiter man die steilen Straßen hinaufklettert, umso größer wird die Armut. Man bewegt sich weg von den bunten Straßen und den vielen Touristen. Hinauf in Gegenden, in denen es keine ausgebauten Straßen und kein fließend Wasser gibt und die Kriminalität schon im Kindesalter beginnt. Irgendwo zwischen den Touristenhotspots und den ärmsten Ecken der Stadt befindet sich der Cerro Merced und mit ihm die Ludoteca, die Kindern aus der Nachbarschaft einen geschützten Raum zum Spielen und Welt entdecken bietet. Ein Projekt, das ich nun seit zwei Wochen begleite.

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Auch wenn mir die Arbeit im Obdachlosenheim Spaß gemacht hat, war ich nicht wirklich glücklich mit meinem Freiwilligendienst im Hogar de Cristo. Und das aus verschiedenen Gründen. Es mag größtenteils aber daran gelegen haben, dass ich mich aufgrund meiner Mukoviszidose-Erkrankung einfach nicht so einbringen konnte, wie ich das gerne getan hätte. Auch wenn ich es mir fest vorgenommen hatte. Ich geriet immer wieder in Situationen, in denen ich mich zwischen den Menschen und meiner eigenen Gesundheit entscheiden musste. Nach nur einer Woche musste ich mir also eingestehen, dass mich der Freiwilligendienst nicht wirklich erfüllte, sondern eher dafür sorgte, dass ich nach der Arbeit mit schlechter Laune nach Hause kam. Meine Mitbewohner hatten direkt einen neuen Plan parat, eine Alternative für die Alternative sozusagen, denn das Obdachlosenprojekt war ja schon der Plan B gewesen.

Die Idee der Ludoteca Merced entstand, nachdem 2014 weite Teile Valparaísos von einem verheerenden Großbrand zerstört wurden. Das Feuer tobte tagelang und nahm zehntausenden Menschen ihr Zuhause. Viele der Cerros, auch der Cerro Merced, waren komplett ausgelöscht. Unmittelbar nach der Katastrophe startete eine Gruppe aus jungen Architekten und freiwilligen Helfern ein Wiederaufbauprojekt, um die Familien dabei zu unterstützen ihre Häuser unter Berücksichtigung von Energieeffizienz, Recycling und der Nutzung von natürlichen Materialien wiederherzustellen. Und sie bauten die Ludoteca, um den Kindern dieser Familien, die sie monatelang begleitet hatten, eine neue Perspektive zu geben. Jenseits der Straße.

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Gemeinsam mit Alex, dem Projektverantwortlichen und anderen Freiwilligen aus Chile, Finnland, Schweden und den USA betreue ich in den Nachmittagsstunden Mädchen und Jungs zwischen 3 und 14 Jahren. Alle ganz unterschiedlich, mit ihren eigenen – teilweise traurigen – Geschichten. Wenn wir um 16 Uhr die Tore der Ludoteca öffnen, werden wir meistens schon sehnsüchtig erwartet. Zur Begrüßung wird geknuddelt und gedrückt, es werden Küsschen verteilt – oder auch Ghetto-Fäuste. Sie sind dankbar, dass wir tios und tias – Tanten und Onkel, wie sie uns nennen – da sind und uns mit ihnen beschäftigen. Einen typischen Tagesablauf gibt es nicht. Jeder Nachmittag verläuft anders, weil die Zahl der Kinder variiert. Manchmal ist es so voll und trubelig, dass man kaum sein eigenes Wort versteht. Und am nächsten Tag sind wir mehr Freiwillige als Kinder und haben mehr Ruhe, uns um die Einzelnen zu kümmern. Es gibt Tage, an denen kostenlose Workshops stattfinden und Tage, an denen wir einfach improvisieren und stundenlang Spiele spielen. Die Kinder entscheiden selbst, ob und wie sie die Zeit bei uns nutzen möchten, wie lange sie bleiben und ob sie an den Workshops teilnehmen. Es gibt keinen Zwang und auch nur drei Grundregeln: Nicht schlagen, nicht beschimpfen und auf die Ludoteca Acht geben.

Es geht aber nicht nur darum, die Kinder zu bespaßen, sondern auch, ihnen wichtige Werte mit auf den Weg zu geben. Werte wie Respekt, Toleranz, Geduld, aber auch das Interesse an den Mitmenschen und der Natur. In der letzten Woche haben wir uns zum Beispiel in einem Workshop mit dem Thema Anpflanzen beschäftigt und hatten jede Menge Spaß. Wir haben ein Beet angelegt, Gemüsesamen ausgesät und unsere Bioabfälle kompostiert. Und hatten gemeinsam jede Menge Spaß.

Die Kinder des Cerro Merced geben einem unheimlich viel zurück, jeder auf seine Art und Weise. Und es ist schön zu sehen, dass sich selbst die coolsten Rabauken für solche Themen begeistern lassen und dich mit großen Augen anschauen und fragen, ob sie damit wirklich die Welt verbessern können.

Ja, ein bisschen vielleicht. So wie ich mit meinem Freiwilligendienst.

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