Irgendwo im Nirgendwo.

Aysen Carretera Austral Coyhaique Piedra de Indio

Ich würde es gerne anders ausdrücken, netter und weniger vulgär, aber ich finde keinen Ausdruck, der den Nagel besser auf den Kopf trifft. Während in Chile die Sommerferien enden und die Ludoteca für zwei Wochen geschlossen ist, um die Pläne für die nächsten Monate zu schreiben, mache ich Urlaub im schönen Patagonien. Am Arsch der Welt.

Das Fleckchen Erde, welches ich mir für meinen 10-tägigen Ausflug ausgesucht habe, zählt nicht zu den bekanntesten. Weder unter den Reisenden, noch unter den Chilenen. Die Region Aysén liegt im Süden Chiles, umfasst 108.494 km² und besteht aus zehn Gemeinden – ein Großteil davon mit Einwohnerzahlen im unteren vierstelligen Bereich. In diesem Teil des Landes findet man zahlreiche Inseln, Gletscher, Nationalparks und den größten See Chiles – den Lago General Carrera, der über die argentinische Grenze hinaus geht und dort lustigerweise einen anderen Namen trägt. Die kleinen Ortschaften werden über die durchaus bekannte Carretera Austral, eine weitestgehend unbefestigte Fernstraße, miteinander verbunden.

Der Ausblick beim Landeanflug zum Flughafen Balmaceda könnte schöner nicht sein. Man bekommt das Gefühl, als würde man als erster Mensch auf einem unentdeckten Planeten landen. Keine Häuser, keine Straßen. Einfach nichts außer Natur, ein paar Berge und ab und an mal ein Fluss oder kleiner See. Der Flieger sinkt immer weiter und während der Boden fast in greifbarer Nähe ist, hofft man insgeheim, dass wenigstens der Pilot eine Landebahn sieht, wenn er aus seinem Fenster schaut. Kurz bevor wir auf dem Boden aufsetzen, die Erleichterung: da ist sie, die Landebahn, und mit ihr drei kleine Häuschen. Warum man ausgerechnet hier einen Flughafen baut ist mir ein Rätsel, denn hier scheint tatsächlich kaum jemand zu Leben.

Aysen Landeanflug Balmaceda

Nach nur kurzer Zeit docken wir am Gate an, steigen aus der kleinen LATAM-Airlines Maschine aus und stolpern direkt über das Gepäckband. Das einzige am Flughafen Balmaceda. Ich laufe fünf Schritte und verlasse den Sicherheitsbereich. Ich bin auf der Suche nach der Damentoilette und sehe am anderen Ende der wirklich kleinen Flughafenhalle eine Schlange, laufe zielstrebig darauf zu und merke in letzter Sekunde, dass hier erneut der Sicherheitsbereich beginnt. Die Leute stehen hier zum Einchecken an, nicht für die Toilette. Ok.

Draußen vor dem Flughafen warten Shuttlebusse, die nach Coyhaique fahren – die Hauptstadt der Region Aysén und mein erstes Ziel auf dieser Reise. Während der einstündigen Fahrt klebe ich wie ein Kleinkind an der Scheibe und würde den Busfahrer am liebsten alle fünf Meter fragen, ob ich kurz für ein Foto aussteigen könnte. Diese Landschaft ist atemberaubend schön. Und das ist nicht übertrieben. Wäre ich diese Strecke mit meinem Auto gefahren, ich wäre wahrscheinlich heute noch nicht im Hostel angekommen.

Aysen Carretera Austral Coyhaique

Aysen Carretera Austral Coyhaique2

Ich schaue aus dem Fenster, erinnere mich an die Herausforderungen, die diese Reise für mich bereithält und bin etwas aufgeregt. Dieser Teil Patagoniens ist aufgrund der fehlenden Infrastruktur schwer zu bereisen. Busse gibt es, je nach Strecke allerdings nur äußerst selten. Kaum vorstellbar, wenn man bedenkt, dass in den meisten Teilen Chiles die Fernbusse im Minutentakt abfahren. Ich hatte versucht, mich im Vorfeld über das Internet schlau zu machen und zu prüfen, ob ich meine Route mit dem Bus abklappern kann. Und bin gescheitert. Es kann also sein, dass ich an einen Punkt komme, an dem ich auch mal trampen muss, damit ich nach 10 Tagen wieder am Flughafen ankomme. Mal schauen.

Am Abend treffe ich in meinem Hostel ein und mache es mir zum ersten Mal in meinem Leben in einem gemischten Mehrbettzimmer gemütlich. Gemeinsam mit fünf anderen teile ich mir einen kleinen Raum, der so voll ist, dass unsere Reiserucksäcke den letzten freien Platz auf dem Boden bedecken. Aber es ist okay, ich hatte es mir schlimmer vorgestellt. Dann steht meine tägliche medizinische Versorgung an: Vitamintabletten, eine Hand voll Globuli, Kortison Spray für die Nase und das Inhalieren für die Lunge. Ich mag es nicht, dabei beobachtet zu werden und schon gar nicht von Fremden. Aber gut, da muss ich wohl durch und werde direkt gefragt, was ich da mache. Ich habe kein Problem darüber zu sprechen, Mitleid möchte ich aber keins. Also erzähle ich grob, was Sache ist, bevor wir das Thema wechseln. Wir reden über dies und das, unsere Reisen und die Region Aysén. Eine meiner Zimmernachbarn ist seit eineinhalb Jahren auf Weltreise und hat in dieser Zeit fast alles bereist, was man bereisen kann. Und findet, dass Patagonien mit Abstand das schönste ist, was sie je gesehen hat. Yeah!

Und dann gibt es da noch das Pärchen aus Kanada, seit zwei Monaten in Südamerika unterwegs und möchte nun von hier aus über die Grenze nach Argentinien. Und an dieser Stelle merke ich, dass ich wirklich irgendwo im Nirgendwo bin. Denn der Bus, der die beiden an ihr Ziel bringen soll, fährt einmal pro Woche. Und auf Anfrage erfahren sie, dass die nächste Abfahrt gestrichen wurde. Und sie hier für ganze neun Tage festsitzen.

Während wir Witze darüber machen, erzählt uns ein anderer, was er über die Region Aysén gehört hat. Es gibt keine Busse, weil es hier keinen Tourismus gibt. Aber vielleicht gibt es auch einfach nur keinen Tourismus, weil es keine Busverbindungen gibt?

Aysen Carretera Austral Coyhaique3

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