Kunterbunte Bändchen und tausende Wünsche.

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Horcón – ein süßes kleines Örtchen etwa 50 km nördlich von Valparaíso, welches in den 60ern als die Hippiehochburg schlechthin galt. Verlassene bunte Fischerboote liegen unterhalb der Strandpromenade, es gibt ein paar Restaurants und Supermärkte und eine Open-Air Spielhalle, die einer Geisterstadt ähnelt. Ich sehe wenige Menschen auf der Straße, kaum Touristen, nur Einheimische. Denn wirklich viel scheint es hier nicht zu geben. Außer eine Brücke – mit tausenden kunterbunten Bändern und mindestens genauso vielen Wünschen.

Im belebten Stadtteil Bellavista in Valparaíso halte ich – ganz nach chilenischer Manier – den Micro-Bus an, der mich zum puente de los deseos in Horcón bringen soll. Ich mache es mir gemütlich, denn ich weiß, dass ich nun länger unterwegs sein werde. Für die 50 Kilometer brauchen wir etwas länger als zwei Stunden, weil wir sämtliche Dörfer auf dem Weg abklappern. Schulkinder, auf dem Weg nach Hause. Backpacker, die unterwegs zur nächsten Unterkunft sind – alle steigen sie ein und wieder aus. Die Landschaft ist wunderschön und dennoch wünsche ich mir, dass diese schaukelige Fahrt bald ein Ende nimmt und wir endlich ankommen. Als außer mir nur noch drei Mädels übrig bleiben, sind wir da – okay, hier scheint wohl nicht der Bär zu steppen.

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Der Weg vom kleinen Hinterhof, der wohl so etwas wie ein Busterminal sein soll, zu meinem Ziel ist kurz und die Brücke ist schon von weitem zu sehen. Sie ist Teil eines kleinen Kunsthandwerkermarkts, die lokalen Hippie-Handwerker haben sie gebaut. Mir kommt die Geschichte hinter diesem Ort wieder ins Gedächtnis, die ein bekannter chilenischer Musiker in einem seiner Songs beschreibt:

Ein amerikanischer Soldat schreibt seiner geliebten Frau nach dem Ende des Vietnam-Kriegs, dass er bald zurück nach Hause kommt. Es ist viel Zeit vergangen, seitdem er sie verlassen musste und er ist sich nicht sicher, ob sie ihn noch liebt oder in der Zwischenzeit vielleicht sogar eine neue Liebe gefunden hat. Denn das würde er verstehen. Deshalb bittet er sie um ein Zeichen: ein gelbes Bändchen an den Baum zu hängen, unter dem sie sich das erst Mal geküsst haben. Sollte er kein Band vorfinden, würde er weiterziehen und sie ihrem neuen Glück überlassen. Als er allerdings zurück in seine Heimat kommt, stellt er erleichtert fest, dass alle Bäume im Ort ein gelbes Bändchen tragen. Ganz schön kitschig, diese Hippie-Chilenen.

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Gesundheit, Geld und Liebe. Ein Wunsch von vielen auf dem puente de los deseos in Horcón.

Deshalb steht sie also da, die Brücke der Wünsche und hatte mittlerweile so viele Besucher, dass man nichts mehr sieht, außer bunte im Wind flatternde Bänder. Am anderen Ende der Brücke blickt man aufs offene Meer, die Wellen brechen an dem Fels, auf dem man steht. Die Sonne scheint und man fühlt sich ganz automatisch total happy – oder eben Hippie. Während ich Ewigkeiten damit verbringe, mir einen Teil der vielen Wünsche und Liebesbekundungen durchzulesen, frage ich mich, was ich mir wohl wünschen würde.

Es ist einer der vielen Momente, in denen ich in Gedanken versinke. Wie so oft in den letzten sieben Wochen meiner Solo-Reise. Auch wenn ich immer schon ein Kopfmensch war, verbringe ich hier doch sehr viel mehr Zeit mit Reflektieren. Alleine und weit weg von zuhause gehört das auch irgendwie dazu. So eine Reise hat ein bisschen was von einem Selbstfindungstrip, weil man sich mehr auf sich selbst konzentriert und es besser schafft, alles um einen herum auszublenden. Und weil man einfach viel Zeit dafür hat. Man beschäftigt sich mit Dingen, die man im stressigen Alltag zuhause gerne und schnell mal bei Seite schiebt. Und hinterfragt viel. Sich selbst, das Privatleben, den Job, die Dinge, die man tut.

Im Endeffekt stellt man sein komplettes Leben einmal in Frage – und das muss gar nichts negatives bedeuten. Denn man lernt auch zu schätzen was man hat. Deshalb gibt es heute für mich kein buntes Bändchen. Weil es erstens keine mehr gibt und ich zweitens feststelle, dass ich doch sehr dankbar bin für das, was ich habe.

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