Planänderung in Valparaíso.

Seit Samstag bin ich jetzt hier in Valparaíso, der bunten Hafenstadt nur eine Stunde von Santiago de Chile entfernt. Mein Zuhause für die nächsten 6 Wochen. Zu Valpo, wie die Einheimischen sagen, gibt es viele Meinungen. Alle ganz unterschiedlich. Die einen sagen, die Stadt sei hässlich, dreckig und gefährlich. Die anderen sind begeistert von der hippen Stadt mit ihren steilen Straßen und unzähligen Treppen, den ausgefallenen Graffitis und alten Seilbahnen. Eins ist aber sicher, Valparaíso ist die wohl einzigartigste Stadt in ganz Chile. Ich glaube da sind sich alle einig.

Ursprünglich bin ich nach Valparaíso gekommen, um hier einen 6-wöchigen Freiwilligendienst im Kinderheim zu machen und mit Kindern zu arbeiten, die aufgrund familiärer Schicksalsschläge nicht mehr bei ihren Familien leben können. (mehr dazu hier) Ich wollte neben dem Reisen auch etwas Gutes tun. Leider hat sich in meiner ersten Woche hier in Chile herausgestellt, dass das Kinderheim in dem ich ursprünglich arbeiten sollte, wegen interner Probleme geschlossen hat. Dauerhaft. Einen vergleichbaren Plan B gab es leider nicht. Ich hatte für diesen Freiwilligendienst ein Vermittlungsbüro hier in Chile beauftragt, die sich sofort um Alternativen bemüht haben. Ich hatte also die Chance in einem Kindergarten zu arbeiten, da ich aber gerne bedürftigen Menschen helfen wollte, schied diese Option für mich direkt aus. Es blieb nur die Möglichkeit, in einem Obdachlosenprojekt zu unterstützen. Dieses Angebot hat mir tagelanges Kopfzerbrechen bereitet. Für die, die mich nicht persönlich kennen, sollte ich an dieser Stelle wohl weiter ausholen. Denn wenn man bedürftigen Menschen helfen möchte, scheint es doch nichts besseres zu geben, als mit Menschen, die wirklich nichts haben und auf der Straße leben müssen, zu arbeiten. Ja, theoretisch schon.

Allerdings bringe ich eine denkbar ungünstige Voraussetzung für diesen Job mit, denn ich habe eine chronische Erkrankung mit dem Namen Mukoviszidose. Mukoviszidose, oder auch cystische Fibrose genannt, ist eine angeborene und nicht heilbare Stoffwechselerkrankung, die dafür sorgt, dass der Körper bedingt durch einen Gendefekt zähflüssigen Schleim produziert. Dieser führt dazu, dass die Funktion vieler Organe wie zum Beispiel Leber, Bauchspeicheldrüse und auch Lunge gestört wird. Gerade in der Lunge ist dieser festsitzende Schleim ein perfekter Nährboden für Bakterien und Keime. Aus diesem Grund können Infektionen für Mukoviszidose-Patienten schwerwiegendere Folgen haben, als für gesunde Menschen. Da ich nicht genau wusste, was in dem Obdachlosenprojekt auf mich zu kommt, habe ich mir in den letzten Tagen viele Gedanken gemacht. Habe überlegt, dass Projekt einfach komplett abzusagen und erst gar nicht hinzugehen. Denn ich wollte helfen, aber nicht um jeden Preis. Ehrlich gesagt beschäftige ich mich im Alltag nicht wirklich mit meiner Krankheit und treffe bis auf die täglichen Inhalationen keine Vorsichtsmaßnahmen, ich entscheide aus dem Bauch und mache was ich für richtig halte. Allerdings weiß ich zuhause, dass die medizinische Versorgung gut ist und meine Ärzte mich und meinen Krankheitsverlauf seit Jahren kennen. Hier in Chile, weit weg von Deutschland, ist das anders. Hier gibt es keine spezialisierten Kliniken. Und ich würde eine Verschlechterung wohlmöglich erst dann realisieren, wenn es schon zu spät ist.

Wenn man an die Arbeit mit Obdachlosen denkt, dann gehen einem zwangsläufig viele Horrorszenarien durch den Kopf. Auch wenn das teilweise unberechtigt sein mag. Man denkt an Drogenjunkies oder Alkoholabhängige, verwahrloste Menschen, die einen auf der der Straße anquatschen und nach Geld betteln. Das ist der Grund warum ich an diesem Projekt gezweifelt habe. Es gibt aber auch Menschen, die ein normales Leben hatten und mit einem Schlag alles verloren haben. Einfach so. Warum auch immer. Im Hogar de Cristo, dem Ort, an dem ich seit Montag drei Tage pro Woche arbeite, leben Menschen, denen man teilweise gar nicht ansehen würde, dass sie obdachlos sind. Sie tragen adrette Kleidung, sind gepflegt und total klar im Kopf. Und haben hier einen Ort gefunden, an dem sie zweimal täglich essen und nachts schlafen können. Drogen und Alkohol sind streng verboten, wer konsumiert verliert seinen Platz im Heim.

Der erste Tag meiner Freiwilligenarbeit begann mit einem mulmigen Gefühl. Wie bisher so oft auf dieser Reise musste ich eine neue Situation meistern. Neue Leute. Neue Aufgaben. Und mal wieder diese neue Sprache. Es ist wirklich schwer, so zu sein, wie man eigentlich ist, wenn man sich einfach nicht verständigen kann. Wenn man nicht das ausdrücken kann, was man denkt oder fühlt. Denn Englisch spricht unter den Einheimischen kaum jemand. Als ich im Obdachlosenheim ankam traf ich direkt auf die vielen anderen Freiwilligen Helfer aus der ganzen Welt. Sie sind aus Chile, Mexiko, USA, Italien, Argentinien und auch Deutschland. Ich traf auf unseren Koordinator, der verantwortlich für die vielen Freiwilligen ist, er zeigte mir das Heim und besprach mit mir die nächsten Wochen. Unsere Hauptaufgabe ist es, Zeit mit den Obdachlosen zu verbringen, Aktivitäten für die Abende zu planen und vorzubereiten. Oder auch mal in der Küche zu helfen, das Abendessen zuzubereiten. Oder Kleiderspenden zu sortieren und auszugeben. Und zweimal in der Woche machen wir eine Tour und besuchen Plätze, an denen sich Obdachlose aufhalten, die keinen Platz im Heim haben. Verteilen Suppe, Brot und Tee.

Am Montag, meinem ersten Tag, stand eine künstlerische Aufgabe auf dem Plan. Wir wollten gemeinsam mit den Obdachlosen eine Wand mit einem Baum aus Handabdrücken gestalten. Also bereiteten wir alles vor. Farben. Pinsel. Abdeckplanen. Zwischen 18 und 19 Uhr öffnete das Heim die Türen und es trudelten die ersten Heimbewohner ein. Ich war unendlich aufgeregt, weil ich nicht wusste, was da auf mich zu kommt. Und zugegeben war ich anfangs sehr zurückhaltend, denn während die anderen Freiwilligen die Menschen, die sie seit Wochen und Monaten nun begleiteten, mit einer Umarmung und einem Küsschen auf die Backe begrüßten, stand ich etwas überfordert da und beobachtete. Allerdings hielt dieses Gefühl nicht lange an, denn ehe ich mich versah, war ich mitten drin in dieser Begrüßungszeremonie. Ich war erstaunt, dass alle sofort realisiert haben, dass da jemand neues ist. Dass sie gefragt haben wie ich heiße und woher ich komme. Und dass sie sich so sehr gefreut haben, ein neues Gesicht in ihrer Runde begrüßen zu dürfen. Während das Essen serviert wurde saß ich gemeinsam mit anderen Freiwilligen am Tisch, hörte zu und beantwortete die Fragen, die mir die Obdachlosen stellten. So gut es eben mit meinem Spanisch ging. Nach dem Essen starteten wir mit der Wandgestaltung. Es war so schön zu sehen, dass sich immer mehr Menschen für die Aktivität begeistern ließen und wie viel Spaß sie daran hatten, gemeinsam diesen Baum wachsen zu lassen.

Hogar de Cristo

Ursprünglich hatte ich mir vorgenommen, direkten Kontakt mit den Obdachlosen zu vermeiden. Weil ich im Hinterkopf immer meine Krankheit hatte. Ich hatte auch überlegt, ob ich besser Handschuhe und einen Mundschutz tragen sollte. Aber wie würden sich die Menschen denn fühlen, wenn ich mich so von ihnen distanzieren würde? Wenn ich ihnen zeige, dass ich mich vor ihnen schütze, ganz gleich aus welchem Grund. Zumal es bei den Heimbewohnern keinen ersichtlichen Grund dafür gab. Sie tragen saubere Klamotten und haben die Möglichkeit im Heim zu duschen. Sie riechen nicht. Die Chilenen sind ein sehr herzliches Völkchen, sehr offen und von der ersten Minute an so, als wärst du ein guter Freund. Backenküsschen hier, Backenküsschen da. Und diese Mentalität macht auch vor Menschen ohne Dach über dem Kopf keinen Halt.

Also kein Mundschutz und keine Handschuhe, sondern nur ein gesundes Maß an Vorsicht. Genauso wie Zuhause.

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